„Rasse“

verfasst von Natasha A. Kelly für die ISD am 02.09.2011

Im deutschen Kontext hat der Begriff „Rasse“, eine eigenständige und gewaltvolle Bedeutung, die häufig in Übersetzungen verloren geht. Das Wort ist keineswegs gleichzusetzen mit dem angloamerikanischen race, da es eine ganz andere konzeptionelle Geschichte erfahren hat. Vielmehr ist er in seiner deutschen Bedeutung aus Schwarzer Perspektive eine Er_Innerung an Leid und Ohnmacht.
Es wird deutlich, dass eigenständige historische, gesellschaftliche, soziale und kulturelle Einflüsse sowohl race als auch „Rasse“ unterschiedlich geprägt haben, weshalb sie jeweils unterschiedlich verstanden werden. Während race bereits eine Re_Signifizierung durch Widerstand, Empowerment und Bewegung erfahren hat, wie beispielsweise im angloamerikanischen Raum, steht die „Ent_Äußerung“ der deutschen „Rasse“ noch aus:
Der Begriff kam erstmals durch Immanuel Kant nach Deutschland. Bis ins 17. Jahrhundert hinein wurden Tier- und Pflanzenarten in biologische „Rassen“ unterteilt, wobei der Begriff Gruppen kennzeichnete, die sich durch konstante und vererbbare Merkmale unterscheiden. Während der Aufklärung wurde die Bedeutung des Begriffs auf Menschen übertragen. Mit ihrer Kategorisierung und Hierarchisierung und somit auch Autorisierung verfestigt und verankert sich Rassismus. Bis heute bleibt diese Bedeutung des Wortes im kollektiven Gedächtnis erhalten, was im Gesellschaftsleben als ungebrochene Kolonialität beschrieben werden kann.
Um nicht dem monolithischen Beispiel zu folgen und stets Rassifizierungsprozesse aufs Neue einzuleiten und Rassismus stets zu reproduzieren, wird in aktuellen politischen Debatten gefordert, dass der Begriff aus dem Grundgesetzt gestrichen wird (Art.3. Abs.3, GG) – würde damit endgültig an Kolonialismus ent_innert werden? Es bleibt abzuwarten, wie deutsche Erinnerungspolitik verhandelt wird.
Die ISD ist um eine Re_Historisierung des Wortes bemüht, d.h. sowohl die noch immer bestehenden kolonialen Strukturen innerhalb der Gesellschaft sichtbar als auch den Prozess der Sichtbarmachung erfahrbar zu machen. Dabei ist entscheidend, dass die rassifizierte Eigenständigkeit des deutschen Wortes „Rasse“ nicht „ausradiert“ oder „ersetzt“ wird, sondern seine Signifikanz im Kampf gegen Rassismus erkannt und dementsprechend geahndet wird.

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