Black Bodies Matter

oury jallohRede zum 10. Todestag von Oury Jalloh, 07. Januar 2015, Dessau

18. Jahrhundert – die 20-jährige Südafrikanerin Sara Bartmann wird von einem weißen männlichen Arzt nach Europa verschleppt und als medizinische Kuriosität einem privaten wie öffentlichen Publikum in ihrer vollen Nacktheit vorgeführt. Als sie ihm gynäkologische Untersuchungen untersagt, lässt der Arzt sie fallen und sie gerät unwillentlich in die Sexarbeit. Sie erkrankt, verfällt dem Alkohol- und Drogensucht und stirbt wenige Jahre später.

Nach ihrem Ableben kauft derselbe Arzt ihren toten Schwarzen Körper und vollzieht jene Untersuchungen, die ihm zu Lebzeiten versagt wurden. Das Resultat: Saras Genitalien, ihr Gehirn und Gesäß werden einbalsamiert und bis 1974 im Musée de L’Homme in Paris ausgestellt. Erst auf Anfragen von Nelson Mandela werden Sara Baartmanns Körperreste 2002 nach Südafrika zurückgeführt.

21. Jahrhundert – Sista Mimi, Aktivistin, Musikerin und Freundin wird aus ihrer Wohnung in Berlin-Kreuzberg zwangsgeräumt. Sie findet Zuflucht in die besetzte Gerhart-Hauptmann-Schule und wird symbolische Figur der politischen Refugee-Bewegung in Berlin. Auch ihre gesundheitliche Situation verschlimmert sich zunehmend, verstärkt durch die soziale Isolation und begrenzte medizinische Versorgung, die in der Schule erlaubt wird. Als es nicht mehr geht, wird sie von Freund_innen aus der Schule geholt, versorgt und gepflegt.

2 Tage später  wird die Schule von über 200 Polizist_innen belagert. Der Vorwand: Verstoß gegen die Brandschutzordnung. Zeitgleich werden 2 Bewohner verhaftet, später ein weiterer. Sista Mimi wird namentlich gesucht, aber nicht gefunden. Denn sie ist zu diesem Zeitpunkt schon tot, friedlich eingeschlafen im Kreis ihrer Freund_innen – und nicht in den Armen von deutschen Polizist_innen oder in einer deutschen Polizeizelle.

Doch auch Sista Mimi bleibt nach ihrem Ableben die rassistischen Demütigungen nicht erspart. Ihre Leiche befindet sich noch immer in der Gerichtsmedizin. Wiederholt werden psydo-medizinische Untersuchungen an ihr unternommen, ohne die eine Ausreisegenehmigung nicht erteilt wird. Bislang warten wir – mit Liebe und Verstand. Sista Mimi wird nach Kenia zurückfliegen.

Oury Jalloh, das war Mord!

10 Jahre später und noch immer keine Spur von Gerechtigkeit.

Sara Bartmann, Sista Mimi und Oury Jalloh sind nur 3 von zahlreichen Beispielen dafür, wie Schwarze Körper in der europäischen Gesellschaft als Wegwerfprodukte verhandelt werden. Die lange Geschichte der erniedrigenden und demütigenden Art und Weise, in der Schwarze Körper in der westlichen Kultur entmenschlicht werden, hat eine grausame Kontinuität – auch in Deutschland.

Während Staatsmänner das Mythos leben, ihre weißen europäischen Körper stünden für Zivilisation, kulturellen Fortschritt oder einfach nur für den Menschen schlechthin (später auch Arier genannt), werden unsere Schwarzen Körper als Antithese zur weiß-gewaschenen Norm gelesen, an dessen Grenzen das Un_Mensch_Sein erprobt und bemessen und über den Tod hinaus performt wird.

Zwar führten unterschiedliche Umstände dazu, dass die Körper von Sara, Mimi und Oury seziert, analysiert und in jedem intimem Detail geprüft wurden. Gemeinsam bleibt die Tatsache, dass der Blick des weißen Mannes nicht an der (Haut-)Oberfläche blieb, sondern tief in ihre Seelen bohrte – The Souls of Black Folk

Ihre/Unsere Schwarzen Körper sind für dieses weiße System nicht von Bedeutung! sondern werden als menschliche Subjekte negiert und zum Schweigen gebracht. Doch wir sind heute hier um das Schweigen zu brechen und um unsere Körper zurückzuerobern.

Denn:

Black Bodies Matter and Black Lives Matter!!!

 

https://initiativeouryjalloh.wordpress.com/

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